Der Bleistift

Ich wundere mich jedes Jahr aufs Neue. Die grenzenlose Kreativität bei der Bezeichnung von Bleistifthärtegraden hat heuer zu Schulbeginn wieder einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Bezeichnung “4W” hat mich wirklich zum Grübeln gebracht. Ohne an Bleistifte zu denken, war mein erster Gedanke:” ok…W4…ein Formati-Heft…nein?. Vielleicht ein Hörfehler? Ein 4B-Bleistift? Ein 4er Bleistift? Aber das “W”? Wenn das “Weich” bedeuten sollte, dann passt das nicht zu einem 4er Bleistift.” Ich muss gestehen, ich habe die Auflösung bis heute nicht erfahren. Schade, ich hätte es gerne gewusst. Aber lassen Sie mich versuchen dieses ganze Chaos um die Bleistifte etwas zu lichten.

Ich muss jetzt wieder meiner alten Leidenschaft, der Geschichte, nachgeben und ein paar hundert Jahre zurückgehen.

Im 16. Jahrhundert entdeckte man in England eine Substanz aus Kohlenstoff, deren Eigenschaften und deren Aussehen dem Blei sehr ähnlich waren – Graphit. Bisher verwendetet man Stäbchen aus Blei um Schriften und Zeichnungen anzufertigen. Graphit färbte viel dunkler und war zudem auch nicht giftig.
Den Namen wurde allerdings beibehalten: der Bleistift.

Graphit hat die gute Eigenschaft, dass es fettig ist und daher leichter über das Papier gleitet. Es färbt wesentlich dunkler als Blei und vermischt mit Ton, erlangen die Graphitstäbchen auch eine höhere Bruchfestigkeit. Es verringert sich zwar die Deck- und Gleitfähigkeit des Graphitstäbchens, je höher der Tonanteil ist, man kann aber so unterschiedliche Härtegrade herstellen.
Ein qualitativ hochwertiger Bleistift zeichnet sich dadurch aus, dass die Qualität des verwendeten Graphits sehr rein und die Verarbeitung sehr sorgfältig ist. Das bedeutet, dass so ein Bleistift einen regelmäßigen Strich erzeugt, das Holz sich gut spitzen läßt und die Bruchfestigkeit ausreichend hoch ist.

Im Gegensatz zu Tinte oder andere Substanzen in Kugelschreibern, Faserstiften oder Marker, bleibt das Graphit an der Oberfläche des Papiers und verbindet sich nicht mit der Faser. Bleistift-Striche lassen sich mühelos mit einem Radiergummi entfernen, weshalb der Bleistift gerne für Skizzen oder Notizen verwendet wird. Man darf einen Bleistift allerdings nie für Dokumente oder Unterschriften verwenden, da hier nachträglich unauffällige Änderungen vorgenommen werden können. Im Gegensatz zu Stiften, deren Schreibmedium flüssigkeitsbasierend ist, funktionieren Bleistifte sowohl bei hohen als auch bei niedrigen Temperaturen, in der Schwerelosigkeit und auch im Vakuum. Schau, schau! Mit einem Bleistift ist man perfekt für die Reise zum Mars gerüstet, um von dort seine Postkarte zu schicken.

Die Härtegrade von Bleistiftminen

Die Härtegrade von Bleistiftminen ergeben sich aus den unterschiedlichen Mischverhältnissen von Graphit und Ton. Je höher der Graphitanteil desto dunkler ist der abgegeben Strich. Ist der Tonanteil höher ergibt sich ein hellerer Strich. Die Mine eines Bleistift mit dunklem Strich schreibt sich schneller ab als die Mine eines Bleistifts mit hellem Strich.  Also: ein weicher Bleistift verbraucht sich schneller, der Strich wird breiter und er verwischt sich leichter als ein harter Bleistift, der sich nicht so schnell verbraucht, sein Strich länger scharf bleibt und sich nicht so leicht verwischt.
Für die Bezeichnung der Härtegrade haben sich zwei Systeme etabliert: das eine System arbeitet mit Buchstaben und Ziffern, das zweite System arbeitet nur mit Ziffern.
Die Buchstaben stammen von englischen Bezeichnungen und bedeuten:
 B = Black = Schwarz, für weiche Minen
 H = Hard = Hart
 F = Firm = Fest (Bezeichnet etwa die Mitte der Skala zwischen Hart und Weich)
HB = HardBlack = Mittelhart, etwas weicher als F

Den Buchstaben werden zusätzlich Ziffern vorangestellt, um den Härtegrad genauer zu bezeichnen.

Das zweite System verwendet nur Ziffern, welche nur die am häufigsten verwendeten Härtegrade mit den Ziffern 1 bis 4 bezeichnet (seltener bis Härtegrad 5).

– 9B, 8B, 7B, 6B und 5B = sehr weiche Bleistifte für Zeichnungen und sehr dunkle Linien und Flächen
– 4B, 3B, 2B oder No.1 = weiche Zeichenbleistifte
– B, HB oder No.2 = mittelweich zum Schreiben
– F oder No.3 = mittelhart zum Schreiben
– H, 2H oder No.4 = harte Bleistifte für technische Zeichnungen
– 3H, 4H, 5H, 6H = sehr harte Bleistifte für haarscharfe Linien, zum Beispiel Hilfs- und Konstruktionslinien
– 7H, 8H, 9H = extraharte Bleistifte für spezielle Techniken, zum Beispiel Lithographie

Diese Härtegradbezeichnungen können am Holzmantel des Bleistiftes oder bei Fallminen direkt auf der Mine aufgedruckt sein.

Ich verkaufe in meinem Geschäft hauptsächlich hochwertige Bleistifte in allen 20 Härtegraden von der Firma Cretacolor/Brevillier Urban & Sachs, deren Firmengeschichte bis ins Jahr 1790 auf Joseph HARDTMUTH zurückgeht.
Joseph HARDTMUTH gilt als Erfinder und Entwickler der Bleistift-Härtegrade. Man erzählt, dass W. A. MOZART und F. Schubert ihre Kompositionen mit Stiften von Joseph Hardtmuth schrieben und dass selbst Königin Victoria von diesen Stiften begeistert war.
Ein österreichisches Produkt mit hoher Qualität und einer langen Geschichte.

Es ist ja nicht so schwierig! Es sind doch NUR 24, maximal 25, verschiedene Bezeichnungen. Und davon braucht man nicht einmal alle! Ich hoffe, ich konnte den Härtegrad-Knoten etwas lockern. Ich bin gespannt, ob ich die Auflösung von “4W” einmal erfahren werde…

Oktober 24, 2014

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